Folge:
Mamaleben

Der ganz normale Mama-Wahnsinn

Wer keine Kinder hat, verpasst was. Definitiv. Klar, Kinderlose haben keine unfreiwillig schlaflosen Nächte, müssen sich nicht mit Trotzanfällen kleiner Rumpelstiltzchen in der Öffentlichkeit rumschlagen und sind nicht geplagt von ewiger Fremdbestimmtheit. „Xy gibt heute Abend ein Konzert? Kein Problem, lass uns hingehen!“ Für Eltern gehören solche Sätze meistens in die „Vor-Baby-Phase“ ihres früheren Lebens. Genauso wie spontan durchgefeierte/durchgequatschte Nächte im Club oder Kneipe. Solche, bei denen man erst früh morgens zum Sonnenaufgang rausstolpert und den Nachhauseweg beim Zwitschern der ersten Frühaufsteher-Vögel antritt. Und man sich so unglaublich lebendig fühlt.

Dafür kennen Kinderlose aber auch nicht den Stolz, den man empfindet, wenn der eigene Sohn, der normalerweise ein Rutschen-Schisshase ist, auf einmal völlig selbstverständlich die Riesen-Tunnelrutsche erklimmt und todesmutig und ohne zu zögern hinabsaust. Bevor ich Kinder hatte, hätte ich mir auch nicht im Traum ausgemalt, dass es mich einmal freuen würde, wenn mein Sohn einen kleinen Pipisee in sein giftgrünes Töpfchen pieselt. Jetzt ist das ein Riesen-Event und muss jedem, der es hören will oder nicht, erzählt werden. Früher hätte ich solche Muttis wahrscheinlich extrem nervig gefunden. Jetzt bin ich selbst so eine.

Das, was mir letztens passiert ist, hätte ich ohne Kinder auch niemals erlebt. Ich sitze seit Monaten mal wieder beim Friseur. Die Kinder werden vom Papa betreut. Eben hat meine Friseurin die Foliensträhnen fertig im Haar angebracht, jetzt kann ich mich noch mit ein paar Zeitschriften entspannen und mich in Sachen Promis auf den neuesten Stand bringen. (Nicht, dass das wichtig wäre.) Als ich mich gerade zurücklehne und die erste Seite aufschlage, klingelt mein Handy. Mein Mann ist dran. Das sehe ich aber nur an seinem Namen auf dem Display, denn verstehen kann ich ihn leider nicht. Unsere Tochter brüllt ohrenbetäubend. Das kann nur eins bedeuten: Die letzte Stillmahlzeit ist zu lange her, die kleine Maus ist am Verhungern. Sofort melden sich die bekannten Schuldgefühle bei mir. Ich springe auf, reiße mir den Friseurkittel vom Leib und rufe: „ich muss sofort zu meiner Tochter!“ Die Friseurin guckt mich entgeistert an, sagt „Das geht jetzt nicht, du hast noch Blondierung in den Haaren.“ Als sie meinen wirren Blick sieht, meint sie nur „Naja, du kannst dir das auch Zuhause selbst auswaschen.“ Also renne ich, den Kopf voll mit weißen Pergamentfolien, zu meinem Auto und brause los, mit hundert Sachen durch die Innenstadt. (Okay, das ist etwas übertrieben, aber fast). An einer Ampel hält neben mir ein Cabrio. Die Insassen, ein älteres Paar, gucken mich erst entgeistert an, dann lachen sie sich schlapp. Und ich lache mit. Fühle mich wie in einer dieser ZDF-Sommerkomödien. Endlich komme ich Zuhause an, springe aus dem Auto, rase keuchend die Treppe hoch – und halte erstaunt inne. Kein Geräusch ist zu hören. Ist sie inzwischen verdurstet? Nein, sie sitzt friedlich im Tragesitz vor der Brust meines Mannes. Es ist ihm gelungen, ihr zwischen den Schreiattacken etwas Pulvermilch auf einem Löffel einzuflößen. Das hat sie fürs erste beruhigt. Soviel zu meinem ersten, entspannten Friseurbesuch seit der Geburt meiner Tochter.

Übrigens, viele typische Eltern-Situationen, bei denen man beim Lesen laut lachen muss und sich immer wieder denkt „Genau das hab ich auch schon erlebt“, findet man auf dem Blog der Amerikanerin Amber Dusick unter crappypictures.com. Die lustigsten Episoden sind auch in ihrem neuen Buch „Parenting: Illustrated with crappy pictures“ versammelt. Das hat mir letztens eine liebe Freundin geschenkt und es war für mich abends nach einem anstrengenden Tag ein echtes Highlight. Es tut doch immer wieder gut, zu wissen, dass man nicht die einzige ist, die von ihren Kindern manchmal in den Wahnsinn getrieben wird.

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